Stell’ dir vor es geht – und keiner kriegt’s hin
Siehe auch die kompakte Fassung
21.12.2008 Der Kapitalismus, so wie wir ihn kennen, liegt in seinen letzten Zügen. Danach kommt das Zeitalter des Unendlichen Reichtums! Seit der letzten Senkung der Leitzinsen auf Null % ist das Ende der Notenbanken schon in Sicht, es wird jetzt höchste Zeit, dass endlich eine Firma von internationalem Rang so etwas wie Flatrate-Banking anbietet.
Sobald jeder über so ein Konto verfügt, ist die Knappheit des Geldes überwunden, jeder, der über den Status der finanziellen Volljährigkeit verfügt, kann dann beliebig hohe Geldbeträge im Soll wie im Haben verbuchen, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen. Man zahlt dann einfach eine konstante Grundgebühr von einem Prozent oder einem Promille pro Jahr und fertig.
Insbesondere der Staat braucht sich dann nicht mehr bei privaten Großkapitalisten verschulden. Die Zinsen, sämtliche Steuern und der gesamte Sozialklimbim werden dann vollkommen überflüssig. Alles was wir bislang über Wirtschaft und Finanzen gelernt haben, können wir dann für immer vergessen. Alles wird dann ganz einfach, hier die ersten Lektionen zum Umlernen:
Lektion 1: Wer immer genug Geld hat, braucht nicht noch mehr!
Kein Mensch hat es nötig, sich von Banken oder anderen Finanzhaien Geld zu leihen, und schon gar nicht der Staat. Die gesamte Finanzindustrie wird einfach wegrationalisiert.
Öffentliche Ausgaben werden ab sofort nach ganz anderen Maßstäben geplant. Heute wird z.B. in Berlin darüber diskutiert, ob man es sich leisten kann, das alte Stadtschloss wieder aufzubauen, und wie das finanziert werden soll. Solche dämlichen Fragen stellt demnächst kein Mensch mehr. Natürlich wird das Schloss wieder aufgebaut, aber damit es eine richtige Attraktion wird, nicht im Originalzustand, sondern mindestens 400 m hoch, höher als der Fernsehturm.
Was passiert nämlich, wenn der Staat 1 Mrd. Euro für ein 100 m hohes Schloss ausgibt und Steuern und Zinsen keine Rolle mehr spielen? Dann entstehen in der privaten Wirtschaft Einnahmen in Höhe von 1 Mrd. Euro.
Und was passiert, wenn der Staat 5 Mrd. Euro für ein 500 m hohes Schloss ausgibt? Dann entstehen in der privaten Wirtschaft Einnahmen in Höhe von 5 Mrd. Euro.
Wir sehen also: Je mehr Geld der Staat für sinnvolle Ausgaben ausgibt, desto mehr Wohlstand für Alle. Wer das verstanden hat, kann Lektion 1 als gelernt abhaken und darf jetzt weiter studieren:
Lektion 2: Es gibt keine Kosten, die das viele liebe Geld wegfressen
Kosten entstehen immer nur individuell. Wenn Sie Ihren Babysitter bezahlen, entstehen Ihnen persönlich Kosten, und je höher diese sind, umso besser für den Babysitter. Unter dem Strich entsprechen in einer Volkswirtschaft sämtliche Kosten stets allen Umsätzen, der Saldo aller Salden ist stets gleich Null. Geld verschwindet nämlich nicht einfach, sondern es wechselt immer nur den Besitzer. Die Standardphrase der Verschwendungstheoretiker „mit dem vielen Geld hätte man statt dessen…“ werden wir uns deshalb für immer abschminken.
Lektion 3: Mit dem neuen, unendlichen Wohlstand muss auch die Geldmenge dementsprechend ansteigen.
Wer das kapiert hat, kann auch seine Ausgaben für die private Lebensführung sehr viel großzügiger planen als im altmodischen Kapitalismus, wo man für jeden Cent schuften oder sich bei den Banken verschulden musste. Früher mussten wir wie die Raupen finanziell am Boden herumkriechen, mit dem neuen Gelt, das nach der nächsten Rechtschreibreform übrigens vollkommen korrekt mit t geschrieben wird, wachsen uns sozusagen Flügel, wir können uns dann wie die Schmetterlinge in allen Dimensionen des Raumes frei bewegen.
Übrigens: Kein Kind in Afrika muss aufgrund unseres zukünftigen luxuriösen Lebensstils verhungern, denn der zukünftige Luxus in Deutschland fehlt nicht anderswo, sondern er wird zusätzlich produziert. Die Menschen in der „Dritten Welt“, müssen einzig und allein deshalb verhungern, weil westliche Finanzkapitalisten sie dazu zwingen, deren Geld zu benutzen und sich in deren Währung zu verschulden.
Lektion 4: Die Menschheit versorgt sich selbst mit der optimalen Geldmenge, wenn die Zentralbank das nicht schafft, gehört sie abgeschafft!
Wer das verstanden hat, und ein marktreifes Produkt anbieten kann, ist ab sofort finanziell volljährig. Alle anderen haben noch nichts gelernt und fangen noch mal von vorn an. So lange, bis ihr endlich erwachsen seid!
Wenn man immer alles bezah¬len kann, braucht man auch keine Ersparnisse für den Notfall mehr. Keine Versicherungen und schon gar keine Goldreserven! Wenn alle Goldbestände auf den Markt kommen, wird Gold am Ende billiger als Silber!
Für eine Unze Feingold gibt es dann eine Kiste Bier oder einen Kanister Benzin! Alle Gegenstände, die wir heute noch mit giftiger Farbe anstreichen, können wir dann für alle Ewigkeit ganz einfach vergolden! Das versteht man unter dem Goldenen Zeitalter, auf das die Menschheit seit Jahrtausenden wartet!
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